Intern
Romanistik

Artusliteratur aus der Bibliothek des Duc de Nemours (07/2023–06/2026)

Leitung: Prof. Dr. Brigitte Burrichter

Im 13. Jahrhundert entstanden zahlreiche Prosaromane, die ihre Handlung im Artusreich ansiedeln und mit der Graalsthematik verbunden werden. Ausgehend von den Romanen von Chrétien de Troyes gibt es schon um 1200 Fortsetzungen seines Graalsromans und mit Roberts de Boron Geschichte des Graals auch eine 'historische' Fundierung dieses neuen Faszinationsobjekts der erzählenden Literatur.

Die offene Struktur von Chrétiens Lancelot-Roman (Le Chevalier de la Charrete) inspirierte den großen Prosa-Lancelot, der in den 1220er Jahren verfasst, schon bald mit dem Graalsthema verbunden und in die von der Historiographie vorgegebene Geschichte des Artusreiches eingepasst wurde (die sogenannte Vulgata). Aus dem 13. Jahrhundert sind mehrere Versionen dieser langen Geschichte erhalten. Daneben wurden weitere Graalsromane verfasst, Merlinerzählungen, eine Prosafassung des Tristan, die ebenfalls die Artuswelt und die Graalsthematik integrieren. So entstand im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts ein großer Erzählkosmos.

Der Fokus der Fachwissenschaft liegt auf den frühen Fassungen dieser Romane im Bestreben, der Entstehung und ursprünglichen Ausprägung dieser meist sehr langen Erzählungen nahe zu kommen. Die verschiedenen modernen Editionen des Prosa-Lancelot nehmen Manuskripte des 13. Jahrhunderts als Ausgangspunkt (Sommer 1909–1916; Micha 1978–1983; Poirion/Walter 2001–2009). Micha rechtfertigt dies ausdrücklich: « Nous éliminons les copies du xve siècle, le plus souvent marquées de réfections aberrantes ; et comment au surplus présenter un roman du xiiie siècle sous le vêtement de la langue et de la graphie modernisées deux siècles plus tard ? » (1978, xvf.).

Das vorliegende Projekt nimmt dagegen bewusst das Ende der (spät-)mittelalterlichen Artusliteratur in Frankreich in den Blick: In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstehen mit den Kompilationen, die Jacques d’Armagnac, Duc de Nemours in Auftrag gegeben hat, zwei der letzten (überlieferten) Manuskripte mit Artusromanen (BNF fr. 112 und 113–116); ein Prosa-Tristan (BNF fr. 99) ergänzt dieses Korpus.
In einem ersten Schritt soll in enger Kooperation mit dem Zentrum für Philologie und Digitalität eine online-Edition dieser umfangreichen Manuskripte erstellt werden. Sie bildet die Grundlage für die fachwissenschaftliche Untersuchung. Deren zentrale Frage wird sein, wie sich diese Versionen, die etwa 250 Jahre nach den ersten Romanen entstanden sind, an die 'neue' Zeit anpassen, die andere Erzählkonventionen und auch andere kulturelle Rahmenbedingungen als das 13. Jahrhundert hat. Ergänzt wird der 'arthurische' Bestand in er Bibliothek durch ältere Manuskripte (Arsenal ms. 3325, BNF fr. 117–120, ÖNB Cod. 2542) (Blackman 1993, 257, 260, 261, 272).

Eine der Kompilationen (BNF fr. 112) und den Prosa-Tristan hat Micheau Gonnot, einer der Schreiber in Diensten des Herzogs, signiert, die zweite Kompilation zeigt eine sehr ähnliche Hand, möglicherweise hat er sie ebenfalls geschrieben. Seine Schreibgewohnheiten lassen sich an diesem Korpus, das gut 4.000 Seiten umfasst, detailliert untersuchen.

Das Projekt wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert.